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Die südkoreanische Sängerin Soojin Moon singt und spielt die Titelpartie in Puccinis Oper

Ein neues Opernereignis kündigt sich im Staatstheater Cottbus an. Intendant Martin Schüler inszeniert Giacomo Puccinis „Turandot“. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Evan Christ. Soojin Moon singt und spielt die Titelpartie. Noch hat sich der Vorhang nicht gehoben. Aber annähern können wir uns an die Partie dieser Märchen- und Opernheldin Turandot, ihrer Darstellerin und der Inszenierung.

Marlies Kross, die Theaterfotografin, hat uns lange, bevor die Probenarbeiten begannen, in die Karten gespielt und die Turandot nach- oder, besser gesagt, vorempfunden. Wir sehen eine schöne Frau mit für uns exotischen, weil asiatischen Gesichtszügen. Die Teeschale in ihren Händen weist auf China. Kleidung, Haarschnitt, Hintergrund bekräftigen das. Und doch sind das nur Äußerlichkeiten.

„Viel wichtiger ist: Die Frau hat Angst“, sagt meine Gesprächspartnerin, und die muss es wissen. Es ist Soojin Moon selbst, die Turandot in spe. Sie sieht auf ihr Bild. „Da ist Angst zu sehen, der Blick auf Unbestimmtes, was kommt. Sie ist unruhig und das scheint harte Entschlossenheit zu sein. Der Betrachter fühlt Eiseskälte, obwohl es in der Frau lodert.“

Mit diesem Gefühlsspektrum wird sie dann in chinesischem Kostüm und zwischen fernöstlich geprägten Aufbauten auf der Bühne stehen, Soojin Moon als die Chinamärchenprinzessin, die niemals einem Mann angehören  will; denn ein Fluch lastet auf ihrer Familie, der durch eine Vergewaltigung vor Generationen in Gang gesetzt wurde. Wir schauen noch einmal auf das Foto. Soojin Moon alias Turandot blickt, unsere Augen meidend, an der Kamera vorbei. „Die Schöne gibt Rätsel auf”, sage ich.

„So ist es ja auch in dieser Oper”, erklärt die Sängerin. „Die Prinzessin hat viele Freier, ist aber nicht frei, einen von ihnen zu nehmen. Also gibt sie jedem drei Rätsel. Wer sie, wie zu erwarten, nicht löst, wird enthauptet. 26 Köpfe sind schon gerollt. Trotzdem wagt sich ein unbekannter Prinz an das grausame Risiko, so groß ist – gleich auf den ersten Blick – seine Liebe zu Turandot. Das Unglaubliche geschieht: Er löst alle Rätsel. Alles jubelt. Eine Ehe bedeutet Kinder und das Fortbestehen der Dynastie. Aber Turandot will nicht. Da gibt ihr der Prinz, sehr zum Ärger ihrer Landsleute, eine Chance. . .”

Irgend wie trägt Soojin Moon in sich sowohl ein Stück Turandot und ein Stück Calaf (so heißt der unbekannte Prinz). Sie gibt sich selbst Aufgaben, stellt sich Herausforderungen. „Ich liebe es, mich zu testen, meine Kraft, meine Fähigkeiten auszuprobieren. Ich will wissen, wo meine Grenzen sind. Nur wenn man das weiß, kann man sie versetzen.“ Dass sie in Cottbus in Sachen Turandot vorsang, war so ein Testfall. Aber sie behielt ihren Kopf.

Nur dass Martin Schüler die „Turandot”-Inszenierung aus verschiedenen Gründen um ein Jahr verschieben musste und stattdessen eine begeisternde „Tosca” auf die Bühne brachte.  Mit Soojin Moon in der Titelpartie. Die hatte sie kurz zuvor schon in Bielefeld gesungen. „Ich war glücklich, fühlte mich geehrt. Wenige Asiatinnen bekommen diese Rolle übertragen und wenn, dann zum Ende der Karriere. Und nun in Cottbus. In diesem tollen Theater. Mit einem wunderbaren Ensemble. Ein Teamgefühl, wie ich es noch nie erlebt habe. Und ein wundervolles Orchester.” Das will was heißen, singt und spielt sie doch regelmäßig in Opernhäusern in Italien, Deutschland, Österreich, Belgien, den Niederlanden,  Spanien, Portugal, Ecuador und den USA.

„Wichtig”, sagt Soojin Moon, „ist für mich die Begegnung mit den Menschen. Denen in meinem Publikum und denen, die ich gestalten, denen ich Leben einhauchen darf.” Das macht sie übrigens nicht nur auf der Bühne. Sie malt gern, weil sie da das Bild von Menschen formen kann. Sie liebt es, „das Leben zu schmecken”. Das treibt sie in die Literatur, zu Thomas Mann, Kafka, Hesse, Hugo, Camus, Gary und anderen großen Menschengestaltern. Ihren Partien kommt das nur zugute. Übrigens: Sie singt und spielt viele tragische Rollen. Da glaubt man gar nicht, dass sie so ganz herzlich lachen kann. Und das oft.

 

Eine Annäherung an Turandot

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